Ben Ebner

Sagen wir, es ist das Licht

Sagen wir, dass er an einem Septembernachmittag in deinem Seminarraum saß. Da waren andere Menschen, aber das spielt keine Rolle. Du weißt nur, dass er in der Pause auf seinen Tisch geschaut hat, und sein Schatten für einen Moment regungslos an der Wand hing; ein Scherenschnitt im Dämmerungsorange.

Sagen wir, dass ihr an einem Oktoberabend am Flussufer entlanggelaufen seid. Die nassen Lichter in der Ferne, die Wärme seiner Hand in deiner Manteltasche – das alles hat sich durch deine Pupillen in deine Erinnerung gepresst. Wenn du später an ihn denkst, gehören diese gelben Blätter, aufgeweicht und zusammengedrückt am feuchten Boden, untrennbar zu ihm.

Sagen wir, dass ihr in ein kleines Zimmer oberhalb der Altstadt gezogen seid. Jeden Morgen ist der Nebel vom Fluss heraufgekrochen. Du hast ihn vom Dachfenster aus beobachtet, wie er den Berg Richtung Klinikum hinaufgestiegen ist, bis sich seine Konturen aufgeweicht haben. In deiner Erinnerung verhallen die Schritte, als liefe er durch eine Kirche.

Sagen wir, dass du an einem Wintertag sein Gesicht abgesucht hast – den Fleck auf der Wange, die helle Haut, die Augen, die fast verschwinden, wenn er weint –, aber keiner von euch hat etwas wiederfinden können. Wie soll man es auch fassen, hat er dann gefragt: dieses Gefühl, wenn einer durch den Nebel geht oder man einen Kuss auf mintfarbenem Linoleumboden bekommt. Seine Bücher stehen noch bis zum Frühjahr in deinem Regal.

Sagen wir, dass du an einem Herbsttag – viel später, fast in einem anderen Leben – den Seminarraum noch einmal aufschließt. Irgendwo schiebt jemand einen Stuhl über den Boden, dann ist es still. An der Wand schimmert das gleiche Orange. Als deine Hand über den Putz fährt, verschwindet ihr Schatten im Licht. Du spürst die Luft in deiner Lunge, den Boden unter deinen Füßen und das Herz, wie es dich Schlag um Schlag am Leben hält.

Sagen wir, dass du es dann verstehst: Es ist das Licht.

Unerschöpflich scheint es, mitten aus uns heraus, damit wir uns – hoffnungslos, doch immer wieder – in diese Welt verlieben.